Montag, 21. April 2014

KEKSE FÜR ALLE



Hallo ihr Lieben,

auch Bücher sind Produkte, wenn ich hier im Blog auch eher weniger über solche Berichte. Heute komme ich aber zu einem "Produkttest" der ungewohnteren Art, einer Rezension - das Buch, das ich euch vorstellen möchte hat mich sehr beeindruckt, das möchte ich euch nicht vorenthalten. Ich bin aber auch keiner/m Nichtleser(in) böse, wenn er/sie lieber auf meinen nächsten Beauty-Bericht wartet. ;-)

In den letzten Monaten komme ich so wenig zum Lesen von Büchern, dass ich mich schon lange nicht mehr bei vorablesen.de beteiligt habe – den Leseratten unter euch muss ich diese Plattform, die gratis Leseexemplare für Rezensionen vergibt sicher nicht vorstellen. Den Newsletter bekomme ich aber immer noch regelmäßig und vor ein paar Wochen stieß ich auf einen Titel, der mein Interesse weckte: '''„Sechs Millionen Kekse im Jahr“''' hörte sich nach einer lustigen, vielleicht etwas skurrilen Geschichte an und so etwas kann ich derzeit als Lektüre sehr gut gebrauchen.

Also schaute ich mir die Beschreibung bei vorablesen an - wie erstaunt war ich aber, dass es sich hier nicht um einen heiteren Roman handelt, sondern um ein Sachbuch, in dem die Autorin Jessica Thom von ihrem Leben mit dem Tourette-Syndrom erzählt. Wie es der Zufall wollte, hatte ich einige Tage vorher im Nachtprogramm (Spiegel TV, Planetopia etc. – genau weiß ich es nicht mehr) einen Bericht über Menschen mit genau dieser neurologischen Störung gesehen. Ich war also mehr als neugierig geworden und gab meinen Leseeindruck in der Hoffnung ab, nach meiner langen Abwesenheit das Glück zu haben, dieses Buch lesen zu dürfen. Ihr ahnt es: ich hatte Glück :-)





WAS ICH BISHER WUSSTE


über dieses Syndrom war nicht viel und sicher das, was die meisten Menschen wissen. 

Tourettler haben Tics, sowohl verbale als auch motorische. Sie sagen Dinge, die sie eigentlich bewusst gar nicht sagen wollen und die in keinen Zusammenhängen zu einem Gegenüber oder einer Situation stehen, wobei da üble Flüche und ordinäre Ausdrücke nicht die Seltenheit sind. Sie zucken mit dem Kopf oder schlagen mit den Armen um sich und können das nicht steuern.
Das Syndrom wurde nach dem französischen Arzt Gilles de la Tourette benannt, der die Symptome als erster wissenschaftlich untersuchte und beschrieb.

Alle weiteren Fakten, die ich nun noch erwähne habe ich nach dem Lesen bei Wikipedia nachgeschlagen: Tourette beschrieb seine Beobachtungen erstmals bereits um 1885, seine Arbeit geriet dann aber wieder in Vergessenheit. Erst in den 1990er Jahren trat die Krankheit in Deutschland wieder verstärkt in das öffentliche Interesse.

Die neuropsychiatrische Erkrankung wird immer noch erforscht, da bis heute nicht klar ist, worauf die Störung basiert. Die Hauptsymptome treten üblicherweise im Grundschulalter auf, verstärken sich oftmals in der Pubertät und können dann wieder nachlassen. Die Mehrheit der Betroffenen muss sich allerdings auf ein Leben mit Tics einstellen.

Ich kann mir gut vorstellen, dass so mancher Exorzismus in früheren Zeiten an Tourette-Patienten durchgeführt wurde.


JESSICA THOM


Jessica Thom - Foto auf dem Klappentext


Ich habe lange gesucht und nicht das Geringste darüber gefunden, wie alt genau sie ist. Ich schätze sie Ende 20, sie ist Britin und lebt in London. Die erstens Tic traten bei ihr im Alter von ca. 6 Jahren auf, diagnostiziert wurde die Krankheit aber erst, als sie 20 war. 2010 rief sie das Projekt „Tourettes-Hero“ ins Leben - eine gemeinnützige Organisation, die „den Humor und die Kreativität von Menschen mit Tourette in den Blick nimmt, ohne dabei in Spott oder Selbstmitleid zu verfallen. Ziel dieses Projekts ist es, das am häufigsten missverstandene Syndrom auf diesem Planeten transparent zu machen und die Welt Tic für Tic zu verändern.“ (Quelle vorablesen.de)

Ihr Buch „Welcome to Biscuit Land: A Year in the Life of Touretteshero” erschien  2012, die deutsche Ausgabe “Eine Million Kekse im Jahr” am 9. April 2014 broschiert mit 220 Seiten im Verlag Hans Huber.


VIELE VIELE KEKSE


sind in diesem Buch.  Und viele, viele Sprüche, die zum total sinnfrei sind und einen oft zum Schmunzeln bringen. Und so manche Obszönität,  vor der die Autorin aber gleich zu Beginn warnt: empfindliche Seelchen sollen dieses Buch lieber nicht lesen…  dazu später mehr.

So sieht eine Seite vor einem Kapitel aus: Zeichnung von Jessica


Den Inhalt wiederzugeben ist genauso simpel wie schwer: es gibt keine fortlaufende Handlung wie in einem Roman. Man kann sich das Ganze so vorstellen wie ein Tagebuch. Wir begleiten Jessica durch ein Jahr ihres Lebens mit Tourette. Die einzelnen Monate entsprechen Kapiteln, auf einer ganzen Seite wird der Monat genannt, dem Jessica jeweils einen verbalen Tic zuordnet und das Ganze mit einer von ihr gemalten Zeichnung "verziert". Innerhalb dieser Kapitel liest man Einträge, die fett überschrieben einen Tag, ein bestimmtes Ereignis umfassen, aber ohne das typischen Datum eines üblichen Tagebucheintrags dazu. Diese Einträge gehen mal über zwei Seiten, mal bestehen sie nur aus wenigen Sätzen.

Azf diese Weise gut strukturiert und einfach zu lesen skizziert Jessica Thom normale Tagesabläufe und Ereignisse wie die Arbeit im Beruf, Unternehmungen mit Freunden, Pläne für einen Umzug, U-Bahnfahrten, die Hochzeit der Schwester… für gesunde Menschen nichts Besonderes, für Tourettekranke wie Jessica Herausforderungen mit unerwarteten Problemen aber auch wunderbaren, ebenso unerwarteten Erfahrungen.


EINFACH BEWUNDERSWERT


wie Jessica mit ihren Defiziten umgeht, das war mein durchgehender Eindruck. Ich bin ein sehr emphatischer Mensch (was nicht immer so toll ist), aber selten hat mich ein Buch dieser Art so gefesselt und mit gerissen und zwar mit den unterschiedlichsten Empfindungen.

Jessica als Touretteshero - Klappentext


Die Autorin ist nicht auf Mitleid aus, sieht sich niemals als Opfer des Schicksals oder der Umwelt. Sie schreibt weder mitleidheischend, noch wütend, noch belehrend, sondern sie erzählt lediglich  von ihrem Leben mit Tics. Sie berichtet einfach, sie erzählt, was sie traurig gemacht hat und was sie freut. Einiges davon hat mich sehr berührt, beeindruckt und zum Nachdenken gebracht:

1.            Erschreckend war nicht Jessicas Behinderung, sondern wie  aggressiv manche Menschen auf Ungewohntes reagieren und sich nicht einmal in ihren Verhalten beeinflussen lassen, wenn sie Erklärungen erhalten. Das ist wirklich traurig.

2.            Unglaublich schön fand ich, mit welchem wunderbaren Freundes- und Familienkreis Jessica gesegnet ist, was sie auch zu schätzen weiß. Wer solche Freunde hat, den brauchen Feinde nicht mehr zu kümmern und das ist etwas, das nicht jeder gesunde Mensch unter uns sein Eigen nennen kann.

3.            Wie Kinder mit dem ungewöhnlichen Verhalten umgehen. Neugierig, aufgeschlossen, dann auch liebevoll, zuvorkommend und sehr überlegt. Ich habe mich gefragt, wann und warum sich diese Aufnahmefähigkeit des Andersartigen sich ändert?

4.            Was ist wirklich wichtig im Leben? Jessicas Welt bringt einen dazu, mal wieder darüber nachzudenken.

Jessicas Humor ist einfach göttlich und sie betont auch immer, dass es erlaubt ist, humoristisch geprägte Situationen mit einem Lachen zu nehmen. Ihre verbalen Tics sind nun mal einfach oft zum Lachen und sie lacht selber darüber. Eine andere Sache, die man eigentlich weiß, aber sich nicht immer wirklich traut, wurde mir vor Augen geführt: man sollte lieber fragen, als sich abzuwenden und und vielleicht sogar heimlich zu starren.

Was ich gar nicht wusste war, dass die Tics ganz extreme Auswirkungen auf die Betroffenen selber haben können, je nachdem wie stark sie sind. So schlägt sich Jessica permanent mit der rechten Faust vor die Brust, was auf Dauer sehr schmerzhaft ist und ihre Hand blutig werden lässt – sie findet eine Lösung dafür. Extreme Beintics zwingen sie in den Rollstuhl… ich habe da dazu gelernt, ich dachte immer „Tourettes zucken halt ein bisschen“, aber das kann sogar lebensgefährlich sein.

Ach ja, ich wollte noch einmal auf das Obszöne zurück kommen, vor dem die Autorin ja vorab warnt. Ich bin nicht prüde, lege aber Wert auf ein gewisses verbales Niveau. Ich habe jemandem im familiären Umfeld, mit dem ich mich nicht gerne unterhalte, weil „Arschloch“, „Depp“ (und schlimmer) etc. zum ganz normalen, häufig verwendeten Wortschatz gehören – dabei fühle ich mich nicht  wirklich wohl. Ich war also gespannt, mit was ich in dem Buch konfrontiert werden würde.

Okay, Jessica tict schon manchmal, dass jemand ein Schaf f…kt. Aber im Großen und Ganzen „kekst“ sie sehr viel (d.h. sie sagt tatsächlich ca. 16mal in der Minute „biscuit“, im Buch übersetzt „Keks“), sie sagt so seltsame Sätze wie „Ich bekämpfe meine Mutter in Rom“. Bei so manchem modernen Autor frage ich mich, ob das wirklich cool ist, wenn auf jeder zweiten Seite ein Wort wie  A…och oder Fi…en auftauchen muss. Da bin ich dann lieber „prüde“  als mir das anzutun.

Das wenige Ordinäre, das in Jessica Thoms Buch vorkommt hat aber seinen Grund in ihrer Erkrankung und in diesem Zusammenhang  erschien es mir auch interessanterweise auch gar nicht als unangenehm. Wenn man also nicht gerade aus einem kontemplativen, von der Welt abgeschnittenen Kloster kommt, dürften einen diese Passagen nicht wirklich entsetzen – ich finde es toll, dass die Autorin warnt (genauso übrigens wie auf ihrer Webseite, wo man beim Betreten in einem Popup darauf hingewiesen wird und dann wählen kann, ob man wieder gehen will, die Vollversion oder eine entschärfte mit Blockern besuchen will – echt der Hammer, so etwas habe ich noch nie gesehen), aber eigentlich wäre es nicht nötig. Man gibt dieses Buch ja nicht 10-Jährigen zu lesen.


ZUM ÄUSSEREN



eines Buchs  sage ich normalerweise nichts, weil für mich das nicht wichtig ist. Hier habe ich mich aber geärgert und das muss ich loswerden – was hat sich der Verlag nur dabei gedacht? Es handelt sich um eine broschierte Ausgabe, also quasi ein Taschenbuch mit Innenklappe. Soweit so gut, das Format ist eine Spur höher als bei einem Taschenbuch… aber der Falz und der Druck bis dahin ist heftig. Ich knicke ein TB nicht komplett auf, sondern bin da eher zaghaft, damit nichts aufbricht. Hier habe ich richtig mit Kraft teilweise den Falz aufgeknickt, damit ich etwas bequemer lesen kann. Da bricht nicht mal was, das geht gar nicht ganz eben auf. Eigentlich kein Problem, aber dann verwenden die zwar kein Hochglanzpapier, aber doch ein etwas edleres, das im Licht glänzt. Meine Nachttischlampe scheint etwas mehr von der Seite her statt von oben und das spiegelte übel. Also musste ich das Buch abends im Bett dauernd drehen und wenden – anstrengend.

Dazu der Preis: 24,95 Euro für ein broschiertes Buch? Das zahlen wirklich nur extrem Interessierte. Mal ehrlich: ich hätte es nicht gezahlt und bin sehr froh, dass ich es durch den Erhalt einer Gratisausgabe nicht verpasst habe. Ich kann mir vorstellen, dass viele nur deswegen nicht zugreifen werden und das hat dieses Buch wirklich nicht verdient.

Von daher mache ich jetzt auch ein Angebot: wer mein Exemplar haben möchte – im PGB melden, der erste bekommt es.


WEITER GUCKEN


Mache ich bei wenigen Büchern, bei diesem hier konnte ich nicht anders und schaute mir die Webseite von Jessica Thom an.  Diese ist nicht perfekt und natürlich als eine Webseite einer Britin ausschließlich auf Englisch, hat aber durchaus noch den einen oder anderen zusätzlichen Aspekt zu bieten: http://www.touretteshero.com/

Des Weiteren finde ich es sehr interessant, Jessica „live“ zu erleben und ihre Tics „live“ zusehen, Hierzu zwei Links mit Interviews bzw. öffentlichen Auftritten von ihr.




FAZIT


Ich entschuldige mich vorab mal dafür, dass und wenn diese Rezension nicht supergeordnet nach dem Schema „Biographie Autor – Inhalt – Leseeindruck“ verlaufen ist. Dieses Buch passt in kein Schema, es kann sein, dass ich Dinge zu erwähnen vergessen habe, die erwähnenswert gewesen wären, es kann sein, dass ich mich an solchen festgehalten habe, die für manche Leser uninteressant sind. Ich musste mich beschränken, ich hätte über dieses Buch und was sich für mich durch die Lektüre daraus ergeben habt stundenlang reden können.

Fakt ist, dass mich dieses Buch stark und sehr vielfältig berührt hat, ich würde die Autorin und ihr Umfeld gerne persönlich kennen lernen (was mir noch nie bei einer Lektüre passiert ist). Was bleibt da zum Schluss übrig als eine Empfehlung mit vollen 5 Sternen?

Liebe Grüße
Eure Kerstin