Montag, 20. März 2017

DIE "RICHTIGE" UND DIE "FALSCHE" GEBURT - GEDANKENSPIELE IM MÄRZ

Hallo ihr Lieben,

heute gibt´s mal wieder Gedankenspiele. Kürzlich habe ich bei gofeminin einen Artikel gelesen, über den ich mich wirklich ein wenig aufgeregt habe. Seither geht mir die Frage nicht mehr aus dem Kopf, warum Frauen manchmal mit Frauen so übel umgehen, anstatt solidarisch zu sein.

Rainer Sturm  / pixelio.de



DER KONKRETE FALL

Eine junge Frau suchte eine/n Geburtsfotografen/in, um den magischen Moment der Geburt festhalten zu lassen, auch wenn es sich bei ihr nicht um eine sogenannte "natürliche Geburt" handelte, sondern um einen Kaiserschnitt. Die angefragte Fotografin lehnte den Auftrag ab, was selbstverständlich ihr gutes Recht ist. Die Begründung dafür allerdings war eine himmelschreiende Unverschämtheit:

„Mein Schätzchen, ein Kaiserschnitt ist keine richtige Geburt.
Du entbindest nicht richtig. Du wirst eine Operation erhalten, bei der dein Kind aus deinem Unterleib geschnitten wird. Und egal, wie schön du dir das redest: Das ist keine Geburt.
Und ich möchte nicht dabei sein und davon Fotos machen.
Wenn du dich allerdings anders entscheiden solltest, und auf dem richtigen Weg ins Muttersein starten möchtest, kannst du dich gerne nochmal bei mir melden und wir machen einen Termin aus.“

Als ich das gelesen hatte, verschlug es mir zunächst einmal die Sprache. Wie kommt diese Frau dazu, über eine andere Frau dermaßen abwertend zu urteilen? Mit welchen Recht definiert sie einen Kaiserschnitt als "keine Geburt" und eine vaginale Geburt (ich vermeide bewußt das Wort "natürlich") als den "richtigen Weg ins Muttersein"? Woher will sie wissen, aus welchen Gründen die werdende Mutter einen Kaiserschnitt erhält?


Geburt - auf welche Art auch immer - ist ein Wunder! (www.JenaFoto24.de  / pixelio.de)



Nun könnte man sagen: "Was soll´s, das ist eben die eine dumme Kuh, auf die man nicht zu hören braucht."

Doch leider gibt es nicht nur diese eine Frau mit dieser Ansicht. Frauen, die per Kaiserschnitt entbinden, müssen sich durchaus anhören, dass sie zu bequem für eine vaginale Geburt sind. Dass sie sich vor den Schmerzen gedrückt haben, nichts geleistet haben. Dass sie Rabenmütter seien, weil sie nur an das eigene Wohl anstatt an das des Kindes gedacht haben, da Kaiserschnitt-Kinder nicht die gleiche Bindung zur Mutter aufbauen könnten, durch die "plötzliche" Geburt ein Trauma erlitten hätten (als ob es so angenehm wäre, stundenlang durch einen engen Geburtskanal gedrückt zu werden).

Was für ein Schwachsinn, sorry!

DIE DEFINITION VON "GEBURT"

lautet bei google "der Vorgang, dass beim Menschen und bei Säugetieren das Kind/das Jungtier aus dem Körper der Mutter kommt" - steht da irgendwas von "durch die Vagina"? Laut Wikipedia ist die Geburt "der Prozess am Ende einer Schwangerschaft", die endet, wenn "der Fötus die Gebärmutter der Mutter verlässt". Auch hier wird nicht gesagt, dass das zwingend durch die Vagina geschehen muss. Auch die Herkunft des Wortes "gebären" sagt nichts über die Art und Weise aus: mittelhochdeutsch bern, althochdeutsch beran = tragen; bringen; hervorbringen.


Rein vom Wortgebrauch her kann man also keinswegs davon sprechen, dass ein Kaiserschnitt keine Geburt sei.

DIE GEBURTEN MEINER KINDER

waren völlig unterschiedlich. Bei meinen Zwillingen war eigentlich eine vaginale Geburt zu erwarten, als ich 7 Wochen vor dem errechneten Geburtstermin am HELLP-Syndrom erkrankte. Ich hatte riesiges Glück, in der richtigen Klinik gelandet zu sein, denn zu dieser Zeit war diese Erkrankung erst sei 2 oder 3 Jahren bekannt und "meine" Oberärztin hatte durch eine Fortbildung das Wissen darüber. Um das Leben meiner Kinder und auch meines zu retten, musste ein Notkaiserschnitt vorgenommen werden. Danach lag ich zwei Tage auf der Intensivstation und konnte meine Kleinen - von meinem Mann im Rollstuhl dorthin geschoben - erst am dritten Tag auf der Frühchenstation sehen.

Ich hatte zu keiner Zeit das Gefühl, versagt zu haben, weil ich nicht "normal" entbunden hatte. ich hatte kein Problem, eine Bindung zu meinen Jungs auszubauen, im Gegenteil: die erste Berührung und sie waren "meine" Babys, die ich von Herzen liebte. Ich wusste, dass sie gesund waren, vom ersten Moment an selbstständig geatmet hatten - das war das einzig Wichtige. Wir lebten, alle drei! Wer fragt da noch danach, wie die Babys auf die Welt gekommen waren? Zumal ungefähr zur selben Zeit eine Frau aus unserer Gegend an diesem Syndrom verstarb, weil es an der Klinik, in der sie war, nicht erkannt wurde.

www.helenesouza.com  / pixelio.de


Bei meinem Jüngsten ging es zwei Tage nach dem Geburtstermin um Mitternacht los, nach ca. einer Stunde hatte ich auf dem Weg ins Krankenhaus bereits alle drei Minuten heftigste Wehen, trotzdem ließ sich das Kerlchen noch bis 6 Uhr morgens Zeit. Ich war platt, musste aber noch eine Stunde lang aushalten, genäht zu werden, was schlimmer als die eigentliche Geburt war. Während der Zeit wollte ich meinen Kleinen noch gar nicht halten, ich war einfach zu erschöpft und hatte Angst, ihn fallen zu lassen. Etwas später am Tag war dann aber alles gut und ich fühlte mich großartig, als hätte ich den Mount Everest bezwungen und stünde auf dem Gipfel des Berges. Ein tolles Gefühl!

Ich durfte also beide Erfahrungen machen und würde jederzeit eine vaginale Geburt einem Kaiserschnitt vorziehen. Allerdings nicht, weil ich die Geburt meiner Großen als "minderwertig" empfunden hätte, weil etwa die Bindung zu meinem Jüngsten besser wäre (das ist sie nicht) oder weil er im Vergleich zu seinen Brüdern physisch und psychisch gesünder wäre (auch das ist nicht der Fall). Sondern einfach, schlicht und ergreifend, weil man nach einem Kaiserschnitt viel länger Schmerzen und Probleme hat, während der Schmerz nach einer vaginalen Geburt (abgesehen von den kleinen Sitzproblemchen durch das Nähen, die aber nicht halb so lange andauern wie die Probleme mit der Kaiserschnittnarbe) sofort vorbei ist. Die "Qual" ist beim Kaiserschnitt viel langanhaltender, zumindest bei einem Notkaiserschnitt wie dem meinen hat man mindestens 8 Wochen lang seine Freude daran.

ICH FINDE ES SCHADE

dass Frauen meinen, über andere Frauen urteilen zu müssen, ohne in deren Schuhen zu stecken. Die meisten Kaiserschnitte, auch die geplanten, geschehen aus rein medizinischen Notwendigkeiten. Bei meiner Tante wurde zum Beispiel der Kaiserschnitt beim zweiten Kind geplant, nachdem das erste bei der Geburt verstarb, weil es nicht durch das Becken passte und die Ärzte nicht rechtzeitig den notwendigen Kaiserschnitt vornahmen.

Bernd Kasper  / pixelio.de


Meist geht es um Leib und Leben und da ist es mehr als unfair, dass sich Frauen, die sowieso schon unter dieser psychischen Belastung leiden, sich auch noch Vorwürfe anhören und sich klein reden lassen müssen - von anderen Frauen wohlgemerkt! Denn ich denke, Männern ist das total schnuppe, wie das Baby auf die Welt kam, Hauptsache Mutter und Kind sind wohlauf. Nicht jede Frau hat das Selbstbewusstsein, die Dinge als gegeben hinzunehmen, manche lassen sich als Versagerin abstempeln und machen sich selber Vorwürfe, sind traumatisiert, weil sie irgendwelche Erwartungen nicht erfüllt haben.

Selbst Frauen, die einen Kaiserschnitt ohne medizinische Indikation wählen, sind nicht zwangsläufig faul und egoistisch. Bis ich Anfang 20 war, wollte ich gar keine Kinder, weil ich panische Angst vor der Geburt hatte. Das legte sich zum Glück, aber wenn eine Frau psychisch nicht in der Lage ist, eine solche Angst zu unterdrücken, ist es in meinen Augen durchaus legitim, einen geplanten Kaiserschnitt zu wählen.

Leider ist es so, dass gerade Frauen oft die größten Feinde ihres Geschlechts sind. Es gäbe dafür noch viele Beispiele, aber das würde vom eigentlichen Thema wegführen und den Rahmen sprengen. Zusammengefasst ist zu sagen, dass etwas mehr Akzeptanz, Toleranz und vielleicht auch ein klein wenig Zurückhaltung in der Be- bzw. Verurteilung anderer wünschenswert wäre.

Wie seht ihr das? Habt ihr Kinder? Wie sind eure Erfahrungen?
Liebe Grüße
Eure Kerstin